Die Überwachung verändern: Die Erfinder der ersten Netzwerk-Kamera

Artikel
27. Mai 2019
Es gibt kein bewährtes Erfolgsrezept. Aber bei näherem Hinsehen haben große Erfindungen und Innovation einiges gemeinsam: begeisterte und engagierte Menschen mit einer Idee, einem Anreiz und gutem Timing. Diese Faktoren waren auch die Grundlage für die Erfindung der ersten Netzwerk‑Kamera von Axis. Und alles begann mit einer Reise nach Japan...

Eine Zeitreise zum Anfang einer revolutionären Idee

Gehen wir zurück zu einem Tag Anfang der 90er, als der Impuls für eine große Idee entstand: Martin Gren, Mitbegründer von Axis, war auf einer Geschäftsreise in Tokio, um potenzielle Kunden zu treffen. Es stellte sich heraus, dass einer davon analoge Kameras im Bestand hatte, die nur schwer, wenn nicht sogar unmöglich zu verkaufen waren. In dem Wissen, dass Axis mit Technologie für smartere Netzwerke experimentiert hatte, fragte er Martin, ob es möglich sei, sie mit einem Netzwerk zu verbinden. Martin Gren erkannte das Potenzial, und die Idee entstand.

Was er damals nicht wusste: Ein Axis-Ingenieur namens Carl-Axel Alm war dabei, den Prototyp eines Netzwerk-Videokonferenzsystems zu entwickeln. Als Martin mit seiner neuen Idee aus Japan zurückkehrte und sah, woran sein Kollege arbeitete, erkannte er, dass man nicht weit davon entfernt war, die Idee zu verwirklichen. Aber statt die Technologie für ein Videokonferenzsystem zu nutzen, einen Bereich, in dem Axis nach Martins Meinung künftig nicht geschäftlich aktiv sein würde, schlug er vor, die neue Hardware zur Entwicklung einer Netzwerk-Kamera zu nutzen.

Carl-Axel Alm
Durch die schwache Leistung dauerte alles lange - nur ein Bild alle 17 Sekunden, erklärt Carl-Axel Alm.

Wenn man von der Realisierung einer Netzwerk-Videokamera spricht, die Kontrolldaten empfängt und die aufgezeichneten Bilder über das Internet überträgt, darf man nicht vergessen, dass dieser ganze Entwicklungsprozess erfolgte, bevor das „World Wide Web“ allgemein bekannt war. Es wurde hauptsächlich von Netzwerkingenieuren und Spezialisten genutzt. Daher musste das Team das Produkt passend zu der Technologie bauen, die damals verfügbar war. Im Rückblick auf die damalige Situation erklärt Carl-Axel: „Wenn man einen echt netten Chef hatte, gab es möglicherweise ein Modem und einen 200-MHz-Rechner. Durch die schwache Leistung dauerte alles lange - nur ein Bild alle 17 Sekunden (oder 3 Bilder pro Minute). So entsprachen unsere Produkte der damals verfügbaren Technologie.“ Martin fügt hinzu: „Wir bauten das Produkt nur, weil wir es konnten. Nicht, weil wir einen Markt dafür sahen“.

Schließlich, am 17. September 1996 in Atlanta, direkt nach den Olympischen Spielen, trug die harte Arbeit Früchte: in Form der absoluten Premiere einer Netzwerk-Kamera – „NetEye“, die AXIS 200 Netzwerk-Kamera.

Und wer war der erste Kunde? „Wir hatten ein indirektes Geschäftsmodell, aber wir erhielten Anfragen für technischen Support und Leads von Endbenutzern. Eine kam von Steve Wozniak, dem anderen Apple-Gründer, der den ersten Support bei uns anforderte. Es stellte sich heraus, dass er eine ganze Reihe von AXIS 200 hatte,“ sagt Martin.

Verwirklichungen und Eindrücke

Martin Gren
Man dachte, es ginge uns um billige Webcams und wir seien auf der falschen Fachmesse, sagt Martin Gren.

Viele große, neue Erfindungen werden missverstanden, und auch die erste Netzwerk-Kamera stand vor dieser Herausforderung. „Ich hatte zwei Momente, die mir geholfen haben, zu erkennen, dass wir auf etwas Großartiges gestoßen sind. Der erste war, als wir im Frühjahr 1996 vor Einführung der AXIS 200 die Fachmesse IFSEC in England besuchten und sahen, dass alles analog war. Entweder die Branche würde analog bleiben, oder wir waren auf dem Weg zu etwas Großem. Der zweite war bei der gleichen Fachmesse 1998, als wir die Kamera präsentierten und klar wurde, dass man uns unterschätzte. Man dachte, es ginge uns um billige Webcams und wir seien auf der falschen Fachmesse.

Verkauf der ersten Kameras und die Entstehung des ARTPEC-Chips

„Anfangs arbeiteten wir an AXIS 200, weil wir es konnten, nicht aufgrund von Marktanforderungen. Aber sobald wir Sicherheitsmessen wie die IFSEC besuchten, wurde uns klar, dass die vorhandene Technologie veraltet (da überwiegend analog) war, genau wie das Geschäftsmodell der Videoüberwachungsbranche,“ erklärt Martin. Damals war es ein übliches Geschäftsmodell, dass es die Unternehmen den Herstellervertretern überließen, die Produkte direkt an Integratoren und Endbenutzer zu verkaufen. Anders als viele andere Unternehmen war Axis traditionell ein IT-Unternehmen mit einem sehr konsequenten zweistufigen Vertriebsmodell, was bedeutete, dass das Unternehmen seine Produkte nur an Vertriebshändler verkaufte, die sie dann an Integratoren verkauften. Es gab keinerlei Ausnahmen. Da Netzwerk-Kameras ein Ökosystem aus Software, Servern, Switches und Routern voraussetzten, war das alte Modell nicht anwendbar, und vor allem war das zweistufige Geschäftsmodell viel besser skalierbar.

Axis erhielt nun immer mehr Aufträge, so dass das Team sicher sein konnte, auf dem Weg zu etwas Großem zu sein. Daher beschloss man, in den ersten dedizierten Chip für Netzwerk-Kameras der Branche zu investieren, den ARTPEC-1, was für Axis Real Time Picture Encoding Chip steht. Der Name ARTPEC wurde von einem der Mitarbeiter in der Axis-Marketingabteilung in Boston erdacht. „Die Investition in den ersten ARTPEC-Chip war so gewaltig, dass es uns das Unternehmen hätte kosten können, wenn wir gescheitert wären. Wir erkannten, was für eine großartige Chance das sein würde, und setzten die Entwicklung fort, um das Unternehmen voran zu bringen,“ sagt Martin. Axis musste auf den Lohn dieser Entscheidung nicht lange warten: Der ARTPEC-Chip stellte die Grundlage dafür dar, dass das Kamerageschäft in sehr hohem Tempo wuchs, denn die Kameras waren jetzt für richtige Videoüberwachung geeignet. Das Ergebnis waren wachsende monetäre Einkünfte.

Die Story hinter dem ersten Design

Original sketch of AXIS 200
Die erste Zeichnung der AXIS 200 zeigt deutlich die ungewöhnliche, nicht ziegelförmige Bauweise.

Darüber hinaus zog das ungewöhnliche Design der Kamera die Aufmerksamkeit auf sich, denn sie war nicht backsteinförmig wie alle anderen Kameras damals. Dieses eher eigenartige Design hatte einige Nebenwirkungen. „Es hatte damals die schlechteste und die beste Form gleichzeitig. Die beste Form, denn es landete auf der Titelseite vieler Computerzeitschriften, weil es so anders aussah. Die schlechteste Form, denn wir hatten große Probleme, ein passendes Gehäuse für die Kamera zu finden“, erklärt Carl-Axel.

„Das führte etwas später im Prozess zu einer lustigen Geschichte, als die Kamera bereits auf dem Markt war“, sagt Martin. “Einer unserer Mitarbeiter im Technischen Support, Kettil, erhielt einen Anruf von einem Kunden, der eine Axis 200 an einer Skipiste installiert hatte, und die Kamera funktionierte nicht. Damals standen wir vor der Herausforderung, ein geeignetes Gehäuse für die Kamera zu finden, wie Carl-Axel erwähnte. Kettil fragte den Kunden, wie kalt es sei, und dieser erklärte, die Temperatur läge bei minus 22 Grad Celsius! Kettil fragte ihn, was für ein Gehäuse er benutze. Der Kunde antwortete: „Gehäuse? Welches Gehäuse?“ „Naja... Sie brauchen ein Gehäuse, wenn Sie die Kamera im Freien einsetzen wollen...“.

Die Hindernisse von „NetEye“

Bisher scheint alles sehr reibungslos gelaufen zu sein, aber wie bei vielen großen Erfindungen hatte das Team auch einige Hindernisse zu überwinden. Einige waren eher klein, zum Beispiel, als klar wurde, dass die Anmeldung eines zweiten Warenzeichens für die interne Produktbezeichnung „NetEye“ zu teuer wäre, so dass man bei AXIS 200 blieb. Aber das Team ließ sich von einigen Schwierigkeiten nicht entmutigen. „Aufgeben war nie eine Option für uns. Das Wichtigste war, dass unser Bereich vom Rest von Axis getrennt war, so dass wir die Freiheit und den Raum hatten, neue Ideen auszuarbeiten. Ich glaube, sonst wären wir niemals so weit gekommen.“, sagt Martin.

„Das sehe ich genauso“, fügt Carl-Axel hinzu. „Wir waren ein Kernteam von 8-10 Mitarbeitern im Kamerabereich, völlig getrennt vom Rest von Axis. Wir konnten ausprobieren und aus unseren Fehlern lernen. Aber gleichzeitig war es sehr praktisch, die Unterstützung durch den Rest des Unternehmens im Rücken zu haben, durch Funktionen wie Einkauf, Verkauf und Finanzen.“

Bei den erwähnten Problemen war das Management bisher nicht einbezogen worden. Nun musste es von einem Produkt überzeugt werden, das es in den Neunzigern überhaupt nicht gab. Es gab schon vorher Erfindungen, aber das waren vorwiegend Erweiterungen oder Verbesserungen bereits vorhandener Produkte und deshalb leichter zu bewerben - bei Kunden wie beim Management. „Ich stellte dem Vorstand von Axis das Projekt vor und versuchte zu zeigen, dass wir vor etwas Großem standen. Ich meine, die Nutzung eines Webbrowsers zur Betrachtung der Kameraaufzeichnungen war einfach bahnbrechend! Später ging man zu einem Webserver mit Live-Bildern über. Schließlich lautete mein Deal mit Mikael Karlsson und dem Vorstand, innerhalb von zwei Jahren 10.000 Einheiten zu verkaufen. Nach diesen zwei Jahren waren wir bei 14.000 Einheiten. Ich denke, das ist ziemlich gut angesichts der Tatsache, dass es etwas völlig Neues war“, sagt Martin. Die Zahlen sprachen für sich, und Martin Gren bekam seinen Geschäftsbereich für Kameras. Für Axis war es der Beginn einer neuen Ära. 

Eine kleine Kamera für Axis, ein Riesensprung für die Videoüberwachung

AXIS 200
AXIS 200 ("NetEye")

Glücklicherweise ließen sich Martin und Carl-Axel durch diese Herausforderungen nicht davon abhalten, AXIS 200 zu entwickeln. Ein Gerät, das den Grundstein für eine intelligentere und sichere Welt durch Netzwerklösungen legte, zu denen heute auf Netzwerk basierte Videoüberwachung, Datenanalyse, Zutrittskontrolle und Audiosysteme gehören.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie mit zwei Ideen ein Gerät wie AXIS 200, das die Landschaft des Überwachungsmarktes für immer verändert hat, erfunden und entwickelt werden kann. Niemand, nicht einmal die Entwickler selbst, hätte sich jemals träumen lassen, wohin dies dreiundzwanzig Jahre später führen würde: die Netzwerk-Kamera war nicht nur das Sprungbrett für neue Technologie, sondern auch die Basis für viele interessante und komplexe Anwendungsfälle.

Wenn man den beiden Erfindern zuhört, wird klar, dass sie lieben, was sie tun. „Ich bin seit über 25 Jahren bei Axis und habe erlebt, wie die Wärmebildkameras, die modularen Kameras und das Radar aufkamen. Ich bin noch immer in derselben Funktion als Entwicklungsingenieur, denn ich habe ein wenig Ähnlichkeit mit einem verrückten Erfinder wie 'Daniel Düsentrieb'. Neue, interessante Dinge entwickeln, das treibt mich an. Dinge, die sich in großen Stückzahlen verkaufen lassen. Ich möchte keine Produkte entwickeln, die nur zur fixen Idee werden. Etwas Gutes, etwas, was Kunden mögen“, sagt Carl-Axel lächelnd.

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Axis Communications, Andreas Reimann, PR and Social Media Specialist
Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte Andreas Reimann, PR and Social Media Specialist, Axis Communications
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